Fremdsprache Kätzisch

Autor: Astrid Heyer am 21.06.2015

Smalltalk mit Katzen

„Miezibärchen, komm, na komm" locke ich. Und mein heiß geliebter Seniorkater Benni, mit dem ich 12 Jahre durch dick und dünn gegangen bin und den ich bei Krankheiten genauso gehegt und gepflegt habe, wie er mich zur Heilungsbeschleunigung beschnurrt hat, reagiert sofort, steht auf, läuft auf mich zu und hüpft schnurrend auf meinen Schoß.

Wach werde ich um 4.30 Uhr durch ein durchdringendes MIRRRAUUU, das mich senkrecht im Bett sitzen und sofort Richtung Flur eilen lässt, wo der Klagelaut her kam. Ist wieder ein Stein im Harnleiter stecken geblieben? Ist die Befürchtung des Kardiologen eingetroffen, der Trombus in seiner Herzkammer hat sich abgelöst und steckt nun Lähmung verursachend in einer Arterie? Am Ende des Flurs sitzt Benni, offensichtlich unversehrt, das Köpfchen leicht schräg gestellt, und kommt langsam mit erhobenem Schwanz, so gut es eben noch geht mit Arthrose, auf mich zu. Reingefallen. Wieder mal. Triumphierend schleicht er eine 8 um meine Beine.

Wunschtraum und Wirklichkeit der Kommunikation zwischen meinem Kater und mir. Krank ist er nicht, am Verhungern offensichtlich auch nicht, was will er von mir? Diese ständig wiederkehrende Frage (und die anstehende Sachkundeprüfung vor der Tiermedizinischen Hoch

schule) veranlasste mich, mein Wissen über das Verhalten und die Kommunikation meiner Fellnasen zu erweitern.

Freundliche Äusserungen:

Katzen schnurren, wenn sie sich wohl fühlen. Das ist allgemein bekannt. Aber sie schnurren auch, wenn sie sich bekannten ängstlichen Katzen nähern oder auch zur Beschwichtigung. Hiro zum Beispiel legt sich gern mit einem kleinen Sicherheitsabstand vor den Senior auf die Seite und schnurrt, um ihn milde zu stimmen. Es folgt eine kurze Kontaktaufnahme, die Herren beschnuppern sich. Und je nach Stimmungslage wendet sich der Senior desinteressiert ab oder duldet die gewünschte Nähe durch ein langsames Zwinkern und sich selbst auf die Seite legen und schnurren.

Katzen schnurren selbst dann, wenn sie Schmerzen haben. Vielleicht, um sich selbst einzureden, alles wird wieder gut? Um die Selbstheilungskräfte anzuregen? Reine Mutmaßung. Und natürlich schnurren Kätzinnen, um ihren Kindern Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Und ähnlich wirkt das Schnurren auch bei uns Zweibeinern: zweifelsfrei wohltuend, entspannend und heilungsfördernd.

Das „Gurren", das recht unterschiedlich klingen kann - irgendwo zwischen mrrrrrrau und brrrrrrit, ist der Laut, mit dem während der Paarung die Beteiligten kommunizieren. Kätzinnen rufen so ihre Kinder und die Dosenöffner werden beim Heimkommen oft ebenso begrüßt. Neu für mich war das girrende, wie ein Zirpen klingende Geräusch, dass die Stubentiger von sich geben, wenn Sie Kontakt untereinander oder mit mir suchen.
Leider fehlt mir das Talent, das R so richtig genüsslich über die Zunge rollen zu lassen, aber auch mein mit hoher, leiser Stimme gesprochenes brit zeigt immer öfter die gewünschte Wirkung.

Havanna nimmt Kontakt auf

Miau und Mio:

Hier gibt es ein breites Spektrum an Bedeutung und alle möglichen Varianten von leise gepiepst, Holly kann das hervorragend mit mitleiderregendem Unterton, wenn es ans Dosen öffnen geht, bis zu aufdringlich penetrantem Geschrei. Die Bedeutung reicht von „Bitte beachte mich" über „Fütter mich endlich" zu „Lass mich raus" oder „Lass mich wieder rein" und „Mir ist soooo langweilig". Das Miau fällt sehr unterschiedlich aus in Lautstärke, Tonart und Bedeutung, was auch davon abhängt, worauf der Halter am ehesten reagiert oder was mit Futter belohnt wird. Hiro, der Kater unter den Stubentigern, hat sich sehr schnell das laute, fordernde Mirrrrrau angewöhnt, mit dem Benni mich seit seiner ersten Krise mit anschließendem Krankenhausaufenthalt immer in Sekundenschnelle auf die Beine bringt.

Da ich aber inzwischen dazugelernt habe, versuche ich, nicht den gleichen Fehler wie bei Benni zu machen und bei jedem Miau zu denken, das arme Fellchen ist kurz vorm Sterben oder am Verhungern. Leider sieht man Benni meine langjährige Fehlinterpretation heute noch an. Er ist deutlich untergroß.

Einen extra Absatz will ich dem „lautlosen" Miau widmen. Es ist eine spezielle Form der Lautäusserung, da das Mäulchen zwar wie zum Miau geöffnet wird aber kein Laut dabei hörbar wird. Als ich das in einem Fachbuch erstmals las, war ich fasziniert. Dieses Miau bewegt sich im Ultraschallbereich und Mütter mit ihren Kindern benutzen diese Form der Kommunikation, um in Kontakt zu bleiben. Es ist ein Ausdruck wortloser inniger Verbundenheit und Vertrautheit. Ich habe Jahre gebraucht, um diese Geste bei meinem Senior überhaupt wahrzunehmen und entsprechend erwidern zu können. Ich bin inzwischen wesentlich aufmerksamer und habe bei Havanna (gerade erst ein paar Wochen nach ihrem Einzug) diesen Beweis ihrer Verbundenheit schon geschenkt bekommen und sie mit einer entsprechenden Erwiderung erfolgreich auf meinen Schoß gelockt. Begleitet wird diese Lautäußerung mit einem innigen Blick und langsamen Schließen und wieder Öffnen der Augen. Ich bin jedes mal aufs neue gerührt. Probieren Sie es einfach mal aus, wenn ihre Katze still und entspannt auf ihrem Platz liegt. Nehmen Sie Blickkontakt auf, schließen sie langsam die Augen und öffnen sie wieder (wie Zwinkern in Zeitlupe), öffnen langsam den Mund und sprechen ein lautloses, weniger als hingehauchtes „Mhhhau".

Unmutsäußerungen:

Eine dezente Äußerung, die von Menschen oft nicht erkannt wird und die ich auch erst bei den Stubentigern wahrgenommen habe, ist das Schnaufen. Dabei wird die Luft stoßweise durch die Nase ausgeblasen. Es ist eine Vorwarnung: das, was Du gerade tust, passt mir nicht. Die Stubentiger verwenden diese Äußerung auch gern im Spielgeschehen. Hat einer die Maus an der Angel erwischt, zieht er mit dieser in der Schnute hoch erhobenen Hauptes, mit der Schnur den Stock hinter sich herziehend, von dannen, um sie vorzugsweise an den Fressplatz oder in mein Bett zu tragen. Begegnet ihm unterwegs ein Geschwisterchen, hält er oder sie kurz inne und schnauft - sogar für mich deutlich hörbar: Wag es! Das ist meine Beute!
Diese Form der Unmutsäußerung habe ich adaptiert. Wenn Havanna auf meinem Schoß wieder mal an dem Reissverschluss meiner Sweaty-Jacke knabbert und bei weiterer Ignoranz meinerseits dann kräftig in die Speckrolle über dem Hosenbund beisst, ist es sehr viel wirkungsvoller, 2-3 mal kräftig zu Schnaufen, als ein „Aua" von sich zu geben.

Eine deutlichere Warnung ist das Fauchen oder auch Knurren. Es bedeutet so viel wie: Du bist ungefragt in meinen Bereich eingedrungen. Schleicht Dich oder ich muss Massnahmen zur Verteidigung ergreifen. Mein Senior muss sich so regelmäßig Respekt verschaffen, da die Stubentiger im besten Flegelalter ihm manchmal nicht nur allzu aufdringlich vor der Nase rumtanzen und ihre buschigen Schwänze durch sein Gesicht ziehen, sondern auch im Spielgeschehen auf glattem Parkettboden aus Versehen mal in ihn hinein rutschen. Er ist halt nicht mehr so beweglich, dass er schnell genug ausweichen könnte und kommt schon mal unter die Räder. Wer dann nicht schnell genug Land gewinnt, erntet neben einem inzwischen etwas heiseren Fauchen schon einmal einen Pfotenhieb... alters- und arthrosebedingt allerdings in Slow-Motion.

Der Übergang von Knurren zu Jaulen oder Singen signalisiert dann das Ende der Geduld. Es ist eine offensive und ernsthafte Drohung und der Moment, an dem die kleinen Flegel sicherheitshalber das Territorium des Seniors verlassen (sollten). Zugegebenermaßen muss ich hier manchmal etwas nachhelfen, da die Stubentiger während ihrer Sozialisierungsphase in einem freundlichen Umfeld solche Lautäußerung offensichtlich nicht zu deuten gelernt haben und ich verhindern will, dass sie diese Erfahrung nun schmerzhaft nachholen müssen.